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 | Bertha und Carl Benz |
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Wie die Stadt-Apotheke zur Tankstelle wurde
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Der Begriff „Tankstelle“ ist nach heutigem Verständnis geknüpft an Automobile, die einen Verbrennungsmotor besitzen und ihren Treibstoffvorrat regelmäßig ergänzen müssen, auch fernab von zuhause. So, wie wir sie heute kennen, gibt es die Tankstellen erst seit Mitte der zwanziger Jahre (Die erste öffentliche Tankstelle am Straßenrand wurde im Jahr 1923 eröffnet.).
Was die ganz frühen Automobilisten betrifft, so war natürlich überhaupt kein Tankstellennetz vorhanden - warum auch. Dieses entstand erst nach und nach - ebenso wie die auf Erdöl basierende Mineralöl-Industrie. Die automobilen Pioniere mussten deshalb die damals üblichen Versorgungsstätten für derartige Chemikalien aufsuchen, also Apotheken, Drogerien und Chemikalienhandlungen.
So ist es auch verständlich, dass Bertha Benz anlässlich ihrer historischen Fernfahrt im Jahre 1888 (2 1/2 Jahre nach der Erfindung des benzingetriebenen Automobils) den Vorrat an Treibstoff dort ergänzte, wo er erhältlich war. Dieser wurde damals „Ligroin” genannt und ist als Nebenprodukt bei der Leuchtgasgewinnung angefallen. Der chemischen Zusammensetzung nach handelt es sich um ein sehr leicht flüchtiges Benzin.
Es ist durch Bertha Benz selbst bestätigt, dass diese Tour wegen der vielfältigen Schwierigkeiten als die erste eigentliche Fernfahrt anzusehen ist. Es handelte sich dabei nicht um das wohlbekannte Modell 1 von 1886, welches nur als Funktionsmuster für die Patentanmeldung gedient hat. Für die Fahrt nach Pforzheim benutzte sie den wesentlich robusteren, mit zwei Schaltstufen und einem Notsitz ausgestatteten Typ 3. Für die Weiterentwicklung des Urautomobils sind weitere 3 Jahre ins Land gegangen. Verschiedene Details dieser Fahrt kennen wir aus den „Erinnerungen” von Eugen Benz, so auch, dass an der Apotheke in Wiesloch der Treibstoffvorrat ergänzt worden ist.
Ohne Wissen von Carl Benz machten sich also mit Beginn der Ferien Anfang August 1888 Bertha Benz (39) mit ihren beiden Söhnen Eugen (15) und Richard (13) mit dem dreirädrigen Benz-Patent-Motorwagen klammheimlich von Mannheim auf den etwa 120 km langen Weg nach Pforzheim zur Mutter von Bertha Benz - nur eben nicht mit der Eisenbahn, wie man dem Erfinder des Automobils vorgeschwindelt hatte. Es wird wohl gegen 10 Uhr morgens gewesen sein, als der Treibstoffvorrat nach ca. 45 km Wegstrecke vor Wiesloch zur Neige ging. Und so wollte diese Expedition beim Apotheker Willy Ockel in der Stadt-Apotheke zu Wiesloch die absonderlich große Menge von wenigstens 5 Litern Ligroin erstehen - und noch dazu für welchen Zweck! Soviel war kaum vorrätig, aber man konnte weiterhelfen, bis zur nächsten „Tankstelle”.
In Bruchsal hat die drei Schwarzfahrer dann das Gewissen wohl so sehr geplagt, dass man von dort das erste Telegramm nach Hause sandte und die Entwendung des Wagens beichtete. Aus dem Telegramm bei der Ankunft in Pforzheim noch am gleichen Abend geht hervor, dass dieses an Ereignissen und Erfahrungen reiche Abenteuer doch ein gutes Ende genommen hat. Von Carl Benz wissen wir nur, dass er um die sofortige Übersendung der Antriebsketten gebeten hat, um einen weiteren Wagen für die Kraftmaschinen-Ausstellung in München vorzubereiten. Im Gegenzug hat er neue Ketten nach Pforzheim geschickt.
In jedem Fall ist Frau Bertha's Absicht gelungen, das Vertrauen des Konstrukteurs in sein Werk zu stärken und das Interesse eines breiten Publikums zu wecken. Was alle Beteiligten wohl nicht geahnt haben, damit war die neue Handelsform der „Tankstelle“ geboren, an deren Wiege die Stadt-Apotheke in Wiesloch stand.
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Bertha Benz mit Kindern im Jahr 1883
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Bertha Benz - eine bemerkenswerte Frau
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Seit 1988 wird die Fahrt der Bertha Benz alle zwei bis drei Jahre durch eine eigene Oldtimer-Veranstaltung gewürdigt. Sie ist vorgesehen für Fahrzeuge bis 1930. Hierdurch und durch die Aktivitäten der „Freunde historischer Fahrzeuge Wiesloch e.V.“ wurde die Stadt-Apotheke Wiesloch zum Wallfahrtsort für die Oldtimer-Szene.
Im Zusammenhang mit dem historischen Tanken beobachten wir neben der Verwunderung über die mutige Fernfahrt der Bertha Benz immer wieder auch die Frage nach dem Warum.
Im folgenden haben wir versucht, auf diese gewiss komplexe Thematik eine befriedigende Antwort zu finden. Eine authentische Antwort werden wir wohl nicht mehr bekommen, aber wir meinen, dass unsere Erklärung recht dicht bei der historischen Wirklichkeit liegen dürfte.
Wie es anno 1888 war ...
Als Bertha Benz die Epoche machende Fahrt von Mannheim nach Pforzheim im August des Jahres 1888 unternommen hat, war sie 39 Jahre alt und Mutter von vier Kindern. Ihre beiden Söhne, Eugen und Richard, die sie auf dieser Fahrt begleiteten, waren damals 15 und 13 Jahre alt.
Es waren inzwischen zweieinhalb Jahre seit der Patenterteilung für den Motorwagens vergangen, in denen Carl Benz ihn vom Funktionsmuster zu einem praxistauglichen Fahrzeug weiterentwickelt hat. Nur das Problem des Lenkradienausgleichs bei vierrädrigen Wagen mit Achsschenkellenkung war noch nicht gelöst. Deswegen blieb er bis 1892 beim Dreirad.
Die Geschäftsaktivitäten von Benz & Cie. waren damals hauptsächlich auf die Herstellung von Stationärmotoren mit Leuchtgas- oder Benzinbetrieb als Nachfolger der Dampfmaschinen ausgerichtet, die Weiterentwicklung des Motorwagens war seine Privatangelegenheit, die gewiss viel Zeit und noch mehr Geld aus dem Familienvermögen verschlungen haben dürfte.
Vor allem aber zeichnete sich kein Käuferinteresse an diesem neuen Fahrzeugtyp ab. Man hat den Wagen als geniale, aber praktisch unbrauchbare Kuriosität eines Tüftlers abgetan. So ist es nicht verwunderlich, dass, nicht nur in Deutschland, die frühen Automobile vorwiegend als Sportgerät durch einkommensstarke Bevölkerungsschichten genutzt wurden.
Eigentlich hätte Bertha Benz diese Fahrt gar nicht unternehmen dürfen.
Es gibt viele Gründe, die gegen diese Fahrt sprechen: 1. Berthas Verantwortung der Familie und dem Unternehmen gegenüber. 2. die Tatsache, dass es letztendlich eine Testfahrt war, für die es noch keinerlei Erfahrung auf Langstrecken gab, 3. es war polizeilich verboten, außerhalb der erlaubten Mannheimer Straßen Fahrten zu unternehmen, 4. es war die Unziemlichkeit eines solchen Unterfangens zu einer Zeit, da Frauen, die auf ihre Reputation bedacht waren, nicht in derartiger Weise öffentlich in Erscheinung treten durften.
Warum sie es dennoch getan hat.
Es gibt nur wenige Erklärungen, die schwerwiegend genug sind, um ihre Entscheidung zu rechtfertigen. Denn es hätte ja durchaus die Möglichkeit gegeben, wie in den Jahren zuvor mit der Bahn zu fahren.
1. Carl Benz musste seelisch gestärkt werden, weil er wegen des Desinteresses an seiner Erfindung von Selbstzweifeln zerfressen war und den Glauben an die Zukunft verloren hatte. Vielleicht war er auch zum Gespött der Leute geworden und musste sein Ansehen wieder herstellen. 2. Bertha sah die Notwendigkeit, die Öffentlichkeit über die Möglichkeiten dieses neuen Fahrzeugtyps zu unterrichten und sah wahrscheinlich auch die kommerziellen Chancen. 3. Bertha war möglicherweise um die Finanzlage der Familie besorgt, denn es gab nur Kosten, aber keine Einkünfte aus der Fahrzeugentwicklung. Dass sie von Ihren beiden Buben stürmisch bedrängt worden ist, ein solches Abenteuer zu wagen, darf man dabei getrost unterstellen.
Gewiss hat sie Nutzen und Risiken abgewogen. Sie war mutig, aber nicht tollkühn, denn sie hatte ja ihre werkstatt-erfahrenen Söhne dabei. Sie hat gesellschaftliche Normen verlassen, weil sie über eine solide Selbstgewissheit verfügte. Heute würden wir wohl von einer emanzipierten Frau sprechen. Sie war emanzipiert, nicht, weil sie es anderen beweisen wollte, sondern aus einer sachlichen Notwendigkeit heraus. In ihrem langen Leben stand sie niemals vor ihrem Mann, sondern eher hinter ihm. Und hier hat sie sich wieder voll und ganz in das damalige gesellschaftliche Rollenspiel gefügt.
Aus einem Interview aus dem Jahr 1933 können wir ersehen, dass es ihr vor allem um die Achtung und Wertschätzung ihres Ehemannes ging.
Insgesamt gesehen war sie aber in ihrer Bereitschaft, neue Wege zu beschreiten (zu befahren!) und die Zukunft aktiv mitzugestalten, ihrem Ehemann Carl durchaus ebenbürtig.
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Das Originalfahrzeug von 1888
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Druckbare Version
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